{"id":314,"date":"2021-01-03T22:58:55","date_gmt":"2021-01-03T21:58:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hans-posegga.org\/?p=314"},"modified":"2021-01-07T18:27:58","modified_gmt":"2021-01-07T17:27:58","slug":"episode","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.hans-posegga.de\/?p=314","title":{"rendered":"Der Blitz-Komponierer"},"content":{"rendered":"<p>Bild: Im Studio im WDR Hans Posegga am Klavier neben ihm Robert Berres der Aufnahmeleiter und Peter Ren\u00e9 K\u00f6rner stehend und die Musiker Klaus und Theo Morschel.<\/p>\n<p><strong>Armin Maiwald erinnert sich an die Zusammenarbeit bei \u201eKasper und Ren\u00e9\u201c:<\/strong><\/p>\n<p>Es war zur Fernseh-Steinzeit, so etwa 1962\/63. Ich war ganz junger Regie-Assistent, Peter Podehl war der Regisseur, mein Chef. Wir machten \u201aM\u00e4rchenraten mit Kasper und Ren\u00e9\u2019.<br \/>\nDie heutigen Aufzeichnungs- und Bearbeitungsm\u00f6glichkeiten gab es noch lange nicht, Fernsehen war \u2013 selbstverst\u00e4ndlich \u2013 noch schwarz \/ wei\u00df und es gab auch nur ein Programm.<\/p>\n<p>Insofern waren auch die Produktionsmethoden im Studio v\u00f6llig anders und mit den heutigen nicht zu vergleichen. Vieles musste \u201alive\u2019 gemacht werden, oder, wo nicht sofort gesendet wurde, \u201aquasi wie live\u2019 aufgezeichnet werden, weil man die Aufzeichnungsb\u00e4nder nicht so ohne weiteres schneiden konnte.<\/p>\n<p>Wenn also bei einer Produktion Musik gebraucht wurde, hatte man h\u00e4ufig lebendige Musiker im Studio, die zur entsprechenden Situation die gew\u00fcnschte Musik einspielten. Manchmal nur einen Auftritts-\u201aTusch\u2019, manchmal nur wenige Takte, die eine bestimmte Stimmung transportierten, manchmal aber auch richtige kleine \u201aSt\u00fccke\u2019.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Ablauf der jeweiligen Sendung dann immer und immer wieder geprobt wurde,\u00a0 fast wie beim Theater \u2013 probierten die Musiker mit. Und nicht selten sagte Peter Podehl dann: Ach, hier an dieser Stelle w\u00e4re es noch sch\u00f6n, wenn wir eine Musik h\u00e4tten.<\/p>\n<p>So auch h\u00e4ufig beim \u201aM\u00e4rchenraten\u2019.<br \/>\nDabei lernte ich Hans kennen. Er war der Komponist und hatte rund um sich herum noch drei Musiker: einen Schlagzeuger, einen Bassisten, &#8211; der auch Gitarre spielte, &#8211; und einen, der alle m\u00f6glichen Blasinstrumente spielen konnte. Hans selbst sa\u00df immer am Piano.<\/p>\n<p>Hans war der absolute Blitz-Komponierer: Er sch\u00fcttelte die Melodien nur so aus dem \u00c4rmel, und was er da mit seinen drei M\u00e4nneken machte klang immer gut.<\/p>\n<p>An eine Geschichte erinnere ich mich noch sehr gut: Es war wie immer, wir wa-ren unter Zeitdruck, es sollte aufgezeichnet werden. Peter Podehl wollte an einer bestimmten Stelle noch ein paar Takte Musik.<\/p>\n<p>Die Magnetaufzeichnung lief schon und wurde gepegelt. Dieser Vorgang dauer-te etwa eine Minute, dann noch 30 Sekunden \u201aSchwarz\u2019 dann Aufblende. Podehl fragte Hans, ob wir die Magnetaufzeichnung noch mal anhalten sollten, damit er ein paar Minuten Zeit h\u00e4tte, die Noten aufzuschreiben.<\/p>\n<p>Hans zur\u00fcck: \u201eNein, nein, lasst laufen\u201c.<br \/>\nUnd dann gab er folgende Anweisung an seine Musiker, dem Schlagzeuger:<br \/>\n\u201eDu spielst 8 Takte K\u00fcche Stube\u201c, dem Bassisten: \u201eDu machst 6 Takte C \u2013 F und die letzten 2 C-F-G-C\u201c, dem Fl\u00f6tisten: \u201eDu machst auf jeder \u201aDrei\u2019 einen Akzent und ich geh mit dem Piano rein\u201c.<\/p>\n<p>Nun hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt auch schon alles M\u00f6gliche an Musik mit Hans erlebt, aber aus dieser Anweisung wurde ich nun \u00fcberhaupt nicht schlau, war gespannt, was dabei f\u00fcr eine Musik rauskommen w\u00fcrde und vor allen Din-gen, wie das klingen w\u00fcrde. Zumal die ganze Absprache keine 10 Sekunden gedauert hatte, von \u201aNoten schreiben\u2019 war nicht mal ansatzweise die Rede. Alle nickten, dann herrschte an-gespannte Stille, wie immer vor Aufzeichnungen. Nat\u00fcrlich passte es, nat\u00fcrlich klang es gut. Wie immer, m\u00fcsste ich eigentlich sagen.<br \/>\nAls dann wieder mal eine ruhige Minute war, bin ich zu ihm hin, und hab ihn gefragt: Sag mal, was hast Du da mit deinen Musikern verabredet, und was bedeutet \u201aK\u00fcche, Stube\u2019?<\/p>\n<p>Er grinst in seiner unnachahmlichen Art und sagt, ist doch klar: Acht Takte im 4\/4 Takt, mit der Betonung jeweils auf der \u201a1\u2019 und der \u201a3\u2019. Sind doch vier Silben K\u00fc \u2013 che \u2013 Stu \u2013 be.<br \/>\nUnd weil bei der K\u00fcche die erste Silbe betont wird und beim Wort Stube auch, ist das ein typischer jazziger 4\/4 Takt.<\/p>\n<p>Wenn Du\u2019s richtig sprichst, merkst Du\u2019s selber. Dann machte er es vor:<\/p>\n<p>K\u00fc-che-Stu-be, K\u00fc-che-Stu-be.<\/p>\n<p>Und den Rest kannst Du Dir ja denken: Tonart &#8211; Fr\u00f6hliches C-Dur. Und wenn die Fl\u00f6te auf der \u201a3\u2019 immer einen Akzent macht, dann schaukelt das so sch\u00f6n.<br \/>\nJa, und dann hab ich mit dem Klavier nur noch\u2019n paar T\u00f6ne dazwischengesetzt. Eigentlich ganz einfach.<\/p>\n<p>Es gibt solche Erinnerungs-\u201aFenster\u2019 , &#8211; kleine Zeiteinheiten \u2013 die man nie vergisst.<br \/>\nImmer wenn ich Hans sp\u00e4ter sah oder an ihn dachte, war sofort \u201aK\u00fcche Stube\u2019 wieder da.<\/p>\n<p>Armin Maiwald<\/p>\n<p>18.6.2002<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bild: Im Studio im WDR Hans Posegga am Klavier neben ihm Robert Berres der Aufnahmeleiter und Peter Ren\u00e9 K\u00f6rner stehend und die Musiker Klaus und Theo Morschel. Armin Maiwald erinnert sich an die Zusammenarbeit bei \u201eKasper und Ren\u00e9\u201c: Es war zur Fernseh-Steinzeit, so etwa 1962\/63. 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