{"id":176,"date":"2021-01-02T22:17:29","date_gmt":"2021-01-02T21:17:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hans-posegga.org\/?p=176"},"modified":"2024-01-24T23:27:20","modified_gmt":"2024-01-24T22:27:20","slug":"klavierunterricht-bei-jacques-thibaud","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hans-posegga.de\/?p=176","title":{"rendered":"Musikunterricht bei Jacques Thibaud und Alfred Cort\u00f4t"},"content":{"rendered":"<p>PARIS<\/p>\n<p>(von Hans Posegga)<\/p>\n<p>Bei allem Abscheu, den ich gegen meine Milit\u00e4rzeit empfand, mu\u00df ich dennoch bekennen, dass mir der Umstand w\u00e4hrend einiger Jahre in Abst\u00e4nden immer wieder in Paris sein zu d\u00fcrfen, wo mir alle erdenklichen Vorteile f\u00fcr meine musikalische Weiterbildung zur Verf\u00fcgung standen, besondere Freude bereitete. Viele von den gro\u00dfen franz\u00f6sischen K\u00fcnstlern durfte ich kennen lernen.\u00a0 Da war Tasso Janopoulo, ein Pianist von Weltrang, st\u00e4ndiger Begleiter von Jacques Thibaud, der auch mit Fritz Kreisler viele Male in Amerika aufgetreten war. Von ihm lernte ich eine Menge von Begleitertricks.<br \/>\nDann war da noch der Pianist Jules Gentil, der die Vorbereitungsklasse f\u00fcr Alfred Cort\u00f4t &#8217;s Meisterklasse hielt. So hatte ich das gro\u00dfe Gl\u00fcck, an Alfred Cort\u00f4t&#8217;s Kursen teilnehmen zu d\u00fcrfen, die an der Ecole Normale de Musique stattfanden.<br \/>\nDa mein Freund Eduard Drolc, der nach dem Krieg ein ber\u00fchmter Geiger geworden ist und mit mir gemeinsam den &#8222;Dienst am Vaterland&#8220; verrichtete, den Wunsch hatte, Jacques Thibaud kennen zu lernen, um bei ihm zu studieren, durfte ich bei den Lektionen die Rolle des Dolmetschers spielen.<\/p>\n<p>Jacques Thibaud<\/p>\n<p>\u201eDas kostet sie nichts\u201c, sagte Jacques Thibaud und er schien dabei etwas geistesabwesend. Nachdenklich blieb er stehen. Ein Honorar von Soldaten zu akzeptieren sei ihm unm\u00f6glich. Wir schlenderten zu dritt \u2013 Thibaud, Eddie Drolc und ich durch den Bois de Boulogne an einem herrlichen Sommernachmittag des Jahres 1941 in Paris. Es war eine wohl damals eigenartige Situation. Deutschland hatte Frankreich \u00fcberfallen und Paris eingenommen und hier flanierten zwei junge Deutsche zur Zeit Angeh\u00f6rige des Stabsmusikkorps der Luftflotte schier sorglos Seite an Seite mit Jacques Thibaud, einem der gr\u00f6\u00dften Geiger der Welt freundschaftlich durch einen Pariser Park. &#8222;Sie m\u00fcssen wissen\u201c, fuhr der Meister fort, &#8222;ich hatte zwei \u00a0S\u00f6hne, beide sind in diesem schrecklichen Krieg gegen die Deutschen gefallen. Was ich f\u00fcr Sie tue, das tue ich f\u00fcr meine S\u00f6hne. Darum bitte ich Sie, mein Angebot anzunehmen. Au\u00dferdem haben Sie beide Talent f\u00fcr Musik. Und noch eines: wir wollen alle daran glauben, dass die Kunst der Musik die V\u00f6lker verbinden kann.\u201c<br \/>\nWir bedankten uns betroffen. Seine Auffassung und sein Gro\u00dfmut hatten uns tief beeindruckt. Dass es f\u00fcr uns zwei junge Menschen, wie Eddie als Geiger und mich als Pianist eine Ehre und zugleich ein Riesenansporn war, sich der Gunst des gr\u00f6\u00dften franz\u00f6sischen Geigers erfreuen zu d\u00fcrfen, stand au\u00dfer Zweifel. Wir setzten alles daran, um unseren neuen Lehrer nicht zu entt\u00e4uschen und wollten von ihm so viel lernen, wie es in dieser Zeit der Unruhen und Unsicherheit \u00fcberhaupt m\u00f6glich war. Jacques Thibaud starb im Jahre 1949 im Alter von 73 Jahren bei einem Flugzeugabsturz bei Barcelonette in den franz\u00f6sischen Seealpen.<\/p>\n<p>In meiner Eigenschaft als Pianist nahm ich an der Thibaud\u2019schen Kammermusikklasse teil, wo ich auch dem jungen Geiger Ga\u00ebtan D\u00e9taille kennen lernte, der von dem Exsultan der T\u00fcrkei Abdul Hamed II, der in Paris als Refugi\u00e9 lebte, gesponsert wurde. Da war dann noch Pierre Fournier, der gro\u00dfe Cellist, bei dem ich mit Adolf Schmidt (sp\u00e4terer Solo-Cellist an der Staatsoper M\u00fcnchen) als Dolmetscher und Pianist diente. Wenn Thibaud auf Reisen ging, sorgte er gew\u00f6hnlich f\u00fcr Ersatzlehrer. Da w\u00e4re als erster zu nennen M. Touche, Vizepr\u00e4sident des Conservatoire, aber auch Gabriel Bouillon, ein damals sehr gesch\u00e4tzter Quartett Primarius oder Jules Gentil. Die Vergleichsm\u00f6glichkeiten waren immens und die Ankn\u00fcpfungspunkte gingen sp\u00e4ter in gute Kontakte nach dem Kriege \u00fcber. Dass die Amerikaner in dieser Zeit Bomben auf Paris abwerfen konnten, wird mir ewig unerfindlich bleiben, da sie doch gemeinsam dem Atlantikpakt angeh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Wir wurden immer wieder nach Paris verlegt, weil wir das Stabsmusikcorps der Luftflotte 3 und dem Generalfeldmarschall Sperrle unterstellt waren. Wir waren sozusagen f\u00fcr seine pers\u00f6nliche Gloriole zust\u00e4ndig. Seine Residenz hatte er im Palais Luxembourg im Quartier Latin, angrenzend an der Boulevard St. Michel. Gleich dort am Boulevard St. Michel war eine Eisenbahn- und Metrostation, wo ich manchmal in einen Zug nach Anthony stieg (wo heute ein gro\u00dfes Universit\u00e4tszentrum ist), um dort Bekannte zu besuchen, die Schwestern Niestl\u00e9.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>PARIS (von Hans Posegga) Bei allem Abscheu, den ich gegen meine Milit\u00e4rzeit empfand, mu\u00df ich dennoch bekennen, dass mir der Umstand w\u00e4hrend einiger Jahre in Abst\u00e4nden immer wieder in Paris sein zu d\u00fcrfen, wo mir alle erdenklichen Vorteile f\u00fcr meine musikalische Weiterbildung zur Verf\u00fcgung standen, besondere Freude bereitete. 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