{"id":261,"date":"2021-01-03T20:37:30","date_gmt":"2021-01-03T19:37:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hans-posegga.org\/?p=261"},"modified":"2024-01-24T23:27:42","modified_gmt":"2024-01-24T22:27:42","slug":"die-papierschlacht-im-theater-wagram-in-paris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hans-posegga.de\/?p=261","title":{"rendered":"Der Geschichtenerz\u00e4hler"},"content":{"rendered":"<p>Mein Vater war ein faszinierender Geschichtenerz\u00e4hler &#8211; er vermochte ganze Tischrunden in den Bann zu ziehen.<br \/>\nEinige davon, wie auch die folgende, schrieb er auf. (Susanne Posegga)<\/p>\n<p><strong>Die Papierschlacht im Theater Wagram in Paris<\/strong><br \/>\n(von Hans Posegga)<\/p>\n<p>Ein Konzert. Das Kammerorchester Hans von Benda, Berlin, gab ein Gastspiel im Theater Wagram. Alles war bis auf den letzten Platz besetzt, auch der vierte und f\u00fcnfte Rang bis an den Rand, proppevoll. Ein repr\u00e4sentativer Querschnitt teutonischer Einheit in Sachen Kultur vom intellektuellen Reserve-Krummstiefel bis zum zackigen Soldaten, vom Kanonier Katschmarek bis zum h\u00f6chsten Offizier.<br \/>\nWerke von Vivaldi, Boccherini, u.a. Haydn standen auf dem Programm.<br \/>\nDie Landser\u00a0 f\u00fchlten sich herausgefordert. Ihr Verhalten war im Sinne 08\/15 zun\u00e4chst diszipliniert. Etwas jedoch lag in der Luft. Etwas wie eine Art festliche Stimmung machte sich zwar breit, je n\u00e4her der Auftritt des Dirigenten heranr\u00fcckte. Ein Schuss Heimat, Gru\u00df aus der Ferne und so schwang da mit. Die Radiomeldungen hatten justament vorher unter Begleitung List\u2019scher Triumphfanfaren \u00fcber Schiffsunterg\u00e4nge gigantischen Ausma\u00dfes locker berichtet.<br \/>\nHerr von Benda vermittelte glaubw\u00fcrdig Ethisches, Liebenswertes und die Hoffnung auf einen baldigen siegbelohnten Frieden. Erhaben, hehr und sehnsuchtsvoll erhoben sich Vivaldis Kl\u00e4nge in klassischer Strenge empor in jene R\u00e4ume, die licht und hell und ohne Schatten sind. Irgendwo aber schlummerte der Schalk.<\/p>\n<p>Es begann mit einer Kleinigkeit, sozusagen mit einem Versehen. Vom h\u00f6chsten Rang aus war &#8211; sicherlich durch Zufall &#8211; ein Programm \u00fcber die Br\u00fcstung ins Parkett herabgefallen. Das gefiel, das war menschlich, das kann passieren. Merkw\u00fcrdigerweise segelte es, es war ja nur ein nicht sehr gro\u00dfer einseitig bedruckter Zettel \u2013 wahrscheinlich aerodynamisch bedingt ganz langsam hernieder, \u00e4nderte mit einem leisen, hauchd\u00fcnnen Ger\u00e4usch (der Vivaldi erklang in diesem Augenblick im \u00e4u\u00dfersten pianissimo und war gerade an einer Generalpause angelangt) seine Richtung und landete schlie\u00dflich nach einer nochmaligen Kurs\u00e4nderung an einem v\u00f6llig unerwarteten Platze im Orchestersessel. Jemand lachte leise. Herrn Benda und seinen Vivaldi st\u00f6rte das wenig. In barocker Erhabenheit klagte die Musik still vor sich hin.<\/p>\n<p>Aber wie vorher erw\u00e4hnt, die Einlage schien bei den Landsern Gefallen zu finden. Da, oberster Rang, wieder ein \u00e4hnliches Ger\u00e4usch. Diesmal war es ein kunstvoll zusammengefalteter Flieger. Fast stromlinienf\u00f6rmig bewegte sich das \u201eFliegezeug\u201c mit raffinierter Eleganz durch den inzwischen aufgeheizten Theatersaal. Blitzm\u00e4dchen kicherten schon etwas akzentuierter. Die Sache machte Schule. Es folgten Varianten des Unternehmens auch von den unteren R\u00e4ngen her.<\/p>\n<p>Inzwischen hatten die Fliegezeug-Erbauer in ihren Rang- und Logenwerften andere Fortbewegungstypen in h\u00f6chst unterschiedlichen Gr\u00f6\u00dfen und Formen entwickelt. Es bleibt mir bis heute unerfindlich, wie schnell sich dies abgespielt hat und ich habe nie begriffen, woher die Landser an diesem Platze solche Papiermengen herbekommen haben. Kurz \u2013 die Sache eskalierte zun\u00e4chst in einer Art mittlerem Luftkampf &#8212; Pause &#8212; aber dann, man h\u00f6re und staune.<\/p>\n<p>Mit beinahe der Wucht eines Lastenflugzeugs segelte ein Riesenapparat aus derbstem Packpapier von oben. Das Ger\u00e4usch entbehrte nicht einer \u00fcberzeugenden Dramatik. Irgendwo lie\u00df sich das Ding unter schallendem Gel\u00e4chter des geballten Auditoriums schamlos auf dem Haupte eines Offiziers wie ein Riesenadler nieder. Damit war aber erst der eigentliche Luftkampf wie an einem Gro\u00dfangriffstage ausgebrochen. Das Orchester hatte inzwischen seine Vivaldi-Mission eingestellt. Was \u00fcbrig blieb, war die Luftbataille aller verf\u00fcgbaren Papiere. Es war wie bei der Speisung der f\u00fcnftausend Mann. Kein Mensch hat je erfahren, woher die Unersch\u00f6pflichkeit der Papierdrachen kam. Irgendeine h\u00f6here Macht schien f\u00fcr ununterbrochenen Nachschub zu sorgen. Br\u00fcllen, Gr\u00f6len, Beifall, Ovationen einerseits, Hand in Hand mit Beschimpfungen andererseits begleiteten dieses eigenartige Geschehen.<\/p>\n<p>Als die Wellen der Papierschlacht verebbten, ergriff ein \u201eBerufener\u201c aus dem Publikum das Wort und hielt eine ordnungsgebietende Ansprache.<\/p>\n<p>Die Papierschlacht war ein Bombenerfolg. Vivaldi, Bocherini und Haydn sch\u00e4mten sich.<\/p>\n<p>(Anm.: Ca. 1942 in Paris)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Vater war ein faszinierender Geschichtenerz\u00e4hler &#8211; er vermochte ganze Tischrunden in den Bann zu ziehen. Einige davon, wie auch die folgende, schrieb er auf. (Susanne Posegga) Die Papierschlacht im Theater Wagram in Paris (von Hans Posegga) Ein Konzert. Das Kammerorchester Hans von Benda, Berlin, gab ein Gastspiel im Theater Wagram. 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